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Nr. 063

Finanzmisere Mittelstand: "Blühender Unsinn"

20.01.04. Der unternehmerische Mittelstand hat's schwer in Deutschland: Wer immer sich profilierend an ihm reiben will, reibt sich. Vorurteile überdecken die Fakten, und wenn die Wirklichkeit ihnen nicht entspricht - um so schlimmer für die Wirklichkeit.
Der jüngste Beleg dafür: die Online-Redaktion des "Manager Magazin". Sie verbreitet auf ihrer aktuellen Seite unter der Überschrift "Selbstbedienungsladen Mittelstand" die Interview-Äußerung eines Herrn Norbert Winkeljohann über die Finanzmisere des Mittelstands: Dessen niedrige Eigenkapitalquoten seien u.a. auf zu großzügige Privatentnahmen der Unternehmer zurückzuführen: "Wenn ein Mittelständler privat ein Haus bauen will, dann geht er in sein Unter-nehmen und lässt sich das Geld aus der Kasse anweisen."
Nun muss man nicht jeden Unsinn ernst nehmen, der unter dem Logo besagter Wirtschaftszeit-schrift und mancher ihrer gewöhnungsbedürftigen Recherchemethoden dahersegelt. Die forma-le Autorität des Herrn Norbert Winkeljohann scheint der mm-Redaktion Ausweis genug, um auch offenkundigen Quatsch ungeprüft zu verbreiten. Immerhin wird Herr Winkeljohann als "Vorstandsmitglied der weltweit größten Wirtschafts- und Steuerberatungsgesellschaft Pricewa-terhouseCoopers (PwC) und dort für das Segment ‚Neuer Mittelstand' zuständig" vorgestellt. Ergo: Herr Winkeljohann, fürs Segment zuständig, muss es ja wissen.
Indes, er weiß nichts. Solchen blühenden Unsinn kann nur jemand aus einem Konzern abson-dern, der von der Praxis keine Ahnung hat, der wohl nicht einmal weiß, was "Mittelstand" über-haupt bedeutet.
Nach Forschungen des Mittelstandsinstituts Niedersachsen spielt eine Entnahme nur bei Exis-tenzgründern und Übernehmern eine nennenswerte Rolle. Der klassische mittelständische Un-ternehmer lässt sein Geld im Unternehmen und entnimmt diesem Unternehmen in der Regel weniger, als er seinen führenden Mitarbeitern zahlen muss.

Empirische Großuntersuchungen des Instituts haben auch nachgewiesen, dass die Finanz-knappheit der mittelständischen Inhaberbetriebe vor allem auf die steuerliche Diskriminierung des Personalunternehmens gegenüber Kapitalgesellschaften zurückzuführen ist.
· Während Kapitalgesellschaften ihren Gewinn mit 25 Prozent versteuern dürfen, muss der Inhaber 47,5 Prozent zahlen.
· Während Kapitalgesellschaften auf dem Kapitalmarkt Eigen- und Fremdkapital einwerben können, kann das Personalunternehmen nur durch Gewinn oder Erbschaft zu zusätzlichem Eigenkapital kommen. Scheidet letzteres aus, müssen also die - fast doppelt - versteuerten Gewinne einzige Quelle für die Eigenkapitalbasis sein.
· Während Kapitalgesellschaften die hohen Managergehälter und Abfindungen voll als Kosten versteuern können, geht die Steuer bei Personalunternehmen davon aus, dass jeder Cent Überschuss Gewinn und Konsum des Unternehmers sei. Dabei werden weder die Inflations-raten des Anlagevermögens noch Investitionen oder Personalabfindungen steuerlich be-rücksichtigt.
· Die Basel II-Richtlinien bewerten ein Unternehmen nach Vermögen und Gewinn. Bei Kapi-talgesellschaften ist dies richtig, zumal ihr Gewinn auch kursrelevant ist.
· Ein Personalunternehmen muss sich aber bemühen, möglichst wenig Gewinn auszuweisen, weil es sonst mehr als die Hälfte an Liquidität verliert. Und Vermögen hat nicht die Firma, sondern allenfalls der Unternehmer privat. Die für Kapitalgesellschaften gedachten Basel II-Kriterien diskriminieren also den Mittelstand, der nach diesen Kriterien verheerend beurteilt würde und keine Kredite mehr bekäme bzw. von den Großbanken auch keine mehr be-kommt.
Das Vorstandsmitglied Winkeljohann und das Manager-Magazin haben also mit ihrer Aussage bewiesen, dass sie von der Finanzierung des Mittelstands keine Ahnung haben und dass sie falsche Konzernkriterien unbedenklich auf Personalunternehmen übertragen. Der größte Skan-dal liegt aber darin, dass Herr Winkeljohann für das Segment "Neuer Mittelstand" bei der Bera-tungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers zuständig ist. Einen Unkundigeren hätte die Bera-tungsfirma kaum finden können. Winkeljohann, PwC und das Manager-Magazin haben sich mit dieser Veröffentlichung gemeinsam für den Mittelstand disqualifiziert. Prof. Dr. Eberhard Hamer 
(Wissenschaftlicher Leiter des Mittelstandsinstituts Niedersachen)
 
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