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BVMW-Verbandsinformationen
Nr. 094
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Rechtschreibreform fährt an die Wand
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Etwa vier Millionen Angehörige des Volkes der Dichter und Denker können weder schreiben noch lesen. Und es werden immer mehr, die als Analphabeten notgedrungen Probleme mit dem Dichten und dem Denken haben.
Nun können allerdings nicht einmal die Deutschen, unbestreitbare Champions im Regulieren und der Anfertigung von Statistiken, eine Erhebung darüber vorweisen, wie viele von den gut vier Millionen Lese und Schreibunkundigen schlicht deswegen in den Analphabetismus geflüchtet sind, weil sie an der deutschen Rechtschreibreform verzweifelten, verzweifeln mussten.
Sie nämlich, die Rechtschreibreform, verläuft und verlief bisher wie die anderen Reformen auch. Nämlich nach dem unverrückbaren Ersten Glaubensgrundsatz der Republik: Jedes gesellschaftliche Problem wird endlich unlösbar, sofern es nur genügend Vorschriften gibt, ausreichend viele Gesetze, eine bestimmte Kumulation von Haushaltsmitteln und mindestens drei Bataillone von Verwaltungsoberräten.
Man kann’s auch von der anderen Seite angehen. Sprache ist ja nicht, wie fälschlicherweise von immer mehr Techno und Autokraten angenommen wird, lediglich ein Transportmittel für Informationen, ein funktionaler Kitt für Maschinen und Maschinenmenschen. Sprache schafft Bewusstsein und prägt es. Sie spiegelt Klarheit und Folgerichtigkeit des Denkens und ist auch als Mordwaffe verwendbar. Gewiss, exakte Sprachsätze können vermitteln, woran einer zu sein hat: Der sprichwörtlich gewordene Sonntagsbefehl in der weiland Kaiserlichen Armee: „Die Truppe trifft sich vor der Kirche hinter der Kirche und nach der Kirche vor der Kirche“ ließ kein Auge trocken und nicht die kleinste Frage mehr offen. Und wer sich der unseligen tausend braunen Jahre unserer jüngsten Geschichte erinnert, weiß, dass des Herrn Doktor Goebbels genialdiabolische Propagandasprache in der Wirkung ganze Divisionen aufwog. So wie ein Auto eine hilfreiche Einrichtung für den Transport von Kranken und Sterbenden ist, wahl und entscheidungsweise aber auch ein Mordwerkzeug sein kann.
Natürlich haben solche und weitergehende einschlägige Überlegungen insbesondere die bundesdeutschen Kultusminister nicht sonderlich interessiert, die im allgemeinen Reformwahn und entlang dem vertrauten Kurs obrigkeitlicher Allzuständigkeit mit der Sprache etwas veranstalteten, das den Präsidenten von zehn (staatlich fundierten) deutschen Akademien der Wissenschaft und der Künste sowie des GoetheInstituts erst im Februar die Warnung vor einer „Gefahr für Bestand und Entwicklung“ der Sprache abnötigte. Immerhin ziemlich gedanken und verantwortungslos haben die Kultusminister die Rechtschreibreform der Ministerialbürokratie überlassen und viel zu spät nachgesehen, was die – in ihren überkommenen Traditionen erzogen – mit der Rechtschreibung des Dichter und Denkervolkes inzwischen angestellt hatte. Nun soll, nachdem die Vernunft endgültig den Verhandlungssaal verlassen hat, im Sommer 2005, also in ganz naher Zukunft, die Rechtschreibreform für Schulen und Universitäten endgültig in Kraft treten. In welcher Form allerdings, das steht vorerst dahin.
Reformen, nicht nur der Rechtschreibung, haben es schwer in Deutschland. Sie werden betrieben, als gäbe es keine Erfahrungen, keine Entwicklungen, kein Leben. Bisher hat man die Sprache den Menschen überlassen und ihrem Bewusstsein. Man hat die lebendige Entwicklung der Sprache beobachtet, hat nach einiger Zeit sprachliche Änderungen und neue Schreibweisen und Ausdrücke festgestellt und eingeführt. Man hat sich am Leben orientieren wollen. Und einigermaßen hat man das auch immer so eben hinbekommen.
Die laufende Rechtschreibreform wurde in andere Regeln gezwängt. Neue Schreibweisen wurden erzwungen, am Konferenztisch von den Bürokraten konzipiert. Neue Normen wurden verordnet, ohne dass man Rücksicht genommen hätte auf lebendige Sprachentwicklung, auf Etymologisches. Wo man mit Problemen nicht klarkam, rezeptierte man Beliebigkeit. Eine ProkrustesReform, abgehackte Füße, wenn die Gehwerkzeuge über das zu kurze Bett hinausragten. Und gleich unter dem Prokrustesbett ein Baukasten: „Der kleine Sprachschöpfer“, mit bunten Bildern drauf und einem Inhalt, aus dem sich bedienen durfte, wer Laune hatte, und wer keine hatte, durfte es bleiben lassen. Es ist ja nun allerdings schon sehr die Frage, ob der Staat überhaupt legitimiert ist, der Sprache die Normen zu setzen. Zumal, wenn er dann auch noch mit semidemokratischer Arroganz die sinnentstellenden Schreibweisen als Ausflüsse höherer Weisheit vorgibt. Psychologisch, das zeigt die ganze Reformdebatte, kommen derlei stringente Vorgabensweisen regelmäßig dann, wenn die Politik ratlos wird und die Ratlosigkeit wächst.
So dürfte denn auch der vernünftigste Umgang mit der Rechtschreibreform in überlegter Enthaltung bestehen. Denn vernünftig ist die Reform nicht. Ihre Promotoren haben ihre Kritiker und Zweifler schnell zu vorgestrigen Sprachfanatikern erklärt. An den Schulen gibt es kaum was anderes als Unsicherheit. Kaum ein Lehrer mag die Groß und Kleinschreibung enträtseln. Die Schulbücher strotzen von fehlerhaften Schreibweisen.
Immerhin ist für weitere administrative Exzesse ebenso vorgesorgt wie für eine langfristige Verschiebung jenes Zustands, den der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung einen „Rechtschreibfrieden“ nennt. Denn jetzt tun die Kultusminister, was Politiker angesichts von Sackgassen eben so tun. Sie berufen einen Ausschuss. Ein neuer „Rat für deutsche Rechtschreibung“ soll bis 2010, also etwa bis zum 5. Jahrestag des endgültigen Inkrafttretens der deutschen Rechtschreibreform, Vorschläge unterbreiten, was noch alles geändert werden muss, damit die deutsche Rechtschreibreform dann wirklich ganz endgültig in Kraft treten kann. Ersichtlich rechnen die Kultusminister mit der Bereitschaft der Menschen, sich an all den Unsinn zu gewöhnen, und mit ihrer Verwirrung, die dann eben jeden schreiben und buchstabieren lässt, wie er mag.
Und wenn die deutschen Rechtschreibreformer bis dahin noch nicht gestorben sind, dann nur, weil sie nie recht lebendig waren./ Dieter Kraeter
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