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Sicherheitstraining erlebt
Plötzlich ein Hindernis: „Die Bremsen zu machen!“
15. Juni 2006, 17 Uhr: Über 50 BVMW-Mitglieder sind im ADAC Fahrsicherheitszentrum Berlin-Brandenburg in Linthe eingetroffen. Sie kamen auf Einladung Ihres Landesverbandes, um kritische Fahrsituationen zu „erleben, erfahren und zu bewältigen“. ADAC-Marketingchef Marco Kessler verspricht, bevor es in Gruppen auf die Trainingsstrecken geht: „Alles ist absolut sicher, Ihrem Auto wird gar nichts passieren!“ Tatsächlich sicher? fragt sich mancher Unternehmer etwas besorgt bei der Fahrt durch enge Kurven und steile Kuppen des weiträumigen Trainingsareals zum Start. Schon bei Tempo 30 muss an einigen Stellen ganz schön „gerudert“ werden, um in der Fahrspur zu bleiben. Fahrtrainer Jürgen Wenzel sieht die etwas besorgten Blicke der ihm anvertrauten Unternehmer auf ihre Autos: „Alle Strecken sind so gebaut, dass kein Unfall geschehen kann, wenn Sie sich an unsere Geschwindigkeitsvorgaben halten. Neben den Fahrbahnen sind, wo erforderlich, Ausrollstrecken vorhanden, auf denen Sie ihr Auto ohne Schaden, zum Stehen bringen können!“ Voller Stolz verweist der ADAC Trainer auf die verschiedenartigen Beläge der Übungsstrecken. Er erklärt, das spezielle Beläge dafür sorgen, dass der Reifenverschleiß beim Bremsen nur minimal ist, sich das Fahrzeug aber so wie auf normaler Fahrbahn verhält. „Deshalb werden viele Streckenabschnitte auch bewässert, damit bereits bei vergleichsweise geringen Geschwindigkeiten Effekte erzeugt werden, die normalen Fahrsituationen nahe kommen“.
Die BVMW-Gruppe von Trainerin Elke Koenitz fährt durch enge Kurven bergan, über eine steile Kuppe hinab zum ersten Trainings- und Erlebnispunkt. Das Thema: „Richtig bremsen“. Statt theoretischer Erklärungen lässt Elke Koenitz das Bremsverhalten eines PKW bei blockierten Vorder- oder Hinterrädern die Teilnehmer selbst erkennen, anhand zweier kleiner Modelle, an denen jeweils ein Achspaar blockiert ist. Der Modellversuch bringt für viele Fahrer nicht das erwartete Ergebnis. Weder bei blockierten Vorderrädern noch bei blockierten Hinterrädern überschlagen sich die mit einem kühnen Handschwung in Bewegung gesetzten kleinen Autos. „Genau so verhält sich auch Ihr Fahrzeug“ behauptet die Trainerin. „Wenn Sie in einer Gefahrensituation die Bremsen voll zu machen, kommen Sie auf der kürzt-möglichen Strecken zum Stehen, ohne dass sich Ihr Auto überschlägt oder erheblich ausbricht!“ Der Behauptung folgt der Beweis: Jeder Teilnehmer fährt mit seinem PKW nach Aufforderung der Trainerin mit Tempo 40 über die Bergkuppe und bremst seinen PKW beim gekennzeichneten Punkt maximal ab. Maximal? Trotz bester Vorsätze schaffen es nicht alle Teilnehmer, rechtzeitig und konsequent mit voller Fußkraft die Bremsen ihres Autos „zu zu machen“. Ein Teilnehmer hat nur eine Hand am Lenkrad und „rudert“ mit der anderen Hand am Ganghebel herum, ein anderer hupt sogar. Motoren heulen auf, werden abgewürgt. Bei alledem geschieht fast einem Wunder: Alle Autos, egal ob mit oder ohne ABS, kamen bei Vollbremsung noch vor der steilen Kurve zum Stehen. Kein Auto ohne ABS brach trotz blockierter Räder ernsthaft aus. „Das ist der Stand der Technik. Alle modernen PKW sind so konstruiert, dass sie eine Vollbremsung vertragen ohne instabil zu werden. Wenn es zum Schleudern kommt, liegt das fast immer am unangepassten Verhalten des Fahrers“ erklärt Elke Könitz. Aufmerksam beobachtet Sie das Verhalten Ihrer Gäste beim Bremsvorgang. Es gibt viel Lob, freundliche korrigierende Hinweis. Niemand wird blamiert. Alle Fahrer Ihrer Gruppe hören per Funk mit, können so
Schlussfolgerungen für das eigene Verhalten ziehen. So erklärt die Trainerin, warum sich die Hände beim Bremsen am Lenkrad in der „viertel vor Drei“ Stellung befinden sollen. Mit beiden Füßen ist gleichzeitig und fest auf die Kupplung und Bremse zu treten. „Nicht nachlassen, wenn die Geschwindigkeitsverringerung nicht sofort spürbar ist. Erst wird Bewegungsenergie abgebaut, dann setzt die eigentliche Bremswirkung ein. Immer feste drauf bleiben, dann ist der Bremsweg am kürzesten!“ Ist im Notfall eine Intervallbremsung besser? „Nein“ sagt Elke Koenitz. Nach vier Runden um die Bergkuppe wirkt das Trainingsteam bereits routiniert. Jeder hat sein Fahrzeug besser im Griff, die Bremswege sind deutlich minimiert. Einige Teilnehmer werden gebeten, den Bremspunkt statt mit Tempo 45, mit 50 Kilometern je Stunde anzufahren. Staunen: Der Bremsweg hat sich auf völlig gleicher Fahrbahn und bester Übung im Bremsen fast verdoppelt. „Denken Sie daran, wenn Sie eilig in der Stadt unterwegs sind“, mahnt die Trainerin.
Erfolgreich Hindernissen ausweichen übt derweil Trainer Uwe Strobel mit seiner Gruppe. „Es ist entscheidend, zu lernen, den Blick nicht auf das Hindernis zu fixieren, sondern sofort die Ausweichstecke in den Blick zu nehmen“, erklärt der Trainer. Slalomfahren vermittelt ein erstes Gefühl dafür, wie im Notfall des Fahrzeug um Hindernisse geführt werden kann. So einfach, wie sich die Übung ansieht, ist sie nicht. Besonders bei höherer Geschwindigkeit wird manches Hütchen „wegrasiert“, nicht immer reicht die Konzentration aus, um die vierte oder fünfte Umfahrung richtig auszuführen. Dann folgt der Höhepunkt der Übung: Bei fast gerader Fahrt über die feuchte Strecke schießt eine Wasserfontaine als „weiches“ Hindernis empor. Links oder rechts vorbei, bremsen, lenken, Gas geben? Manchem Übungsteilnehmer gelingt es nicht, den Blick rechtzeitig vom Hindernis zu lösen. Magisch angezogen fahren sie mitten durch die Wasserpracht. „So geschehen viele Unfälle. Ein ungeübter Kraftfahrer handelt in einer Krisensituation genau so. Er starrt wie fixiert auf den Chausseebaum, fährt genau auf ihn zu, ist psychisch nicht mehr in der Lage, sein Fahrzeug am Baum vorbei zu lenken“, weiß der Trainer.
Zum Abschluss der drei Schnupperstunden wird geübt, auf unvorhersehbare Schleudereffekte zu reagieren. Eine im Untergrund der Übungsstrecke eingelassene Metallplatte bewegt sich beim Überfahren seitlich. Die seitwärts wirkende Kraft bringt das Fahrzeug ins Schlingern. Es rasch, mit geringen Lenkbewegungen wieder auf stabilen Kurs zu bringen, ist nicht einfach und gelingt „auf Anhieb“ kaum einem Übungsteilnehmer. „Das ist normal, zu selten kommt diese gefährliche Situation im normalen Straßenverkehr vor. Deshalb führt sie auch häufig zu Unfällen, die bei richtiger Reaktion des Fahrers vermeidbar gewesen wären. Hier hilft unser Fahrsicherheitstraining. Bei uns können Sie lernen, in solchen kritischen Situationen fast automatisch richtig zu reagieren“ wirbt Fahrlehrer Uwe Strobel.
Klaus Dieter Witte aus Brandenburg ist mit seinen Fahrkünsten und dem soeben erlebten Verhalten seines Autos zufrieden. „Das Fahrsicherheitstraining ist eine prima Sache. Am meisten hat mich beeindruckt, wie groß die Unterschiede beim Bremsweg zwischen 40 und 50 Stundenkilometern sind.“ Michael Klug, Inhaber einer Metallbaufirma aus Reinstedt, bereut es nicht, fast 200 Kilometer weit bis nach Linthe gefahren zu sein. „Das Training hat mir Spaß gemacht. Es ist ein tolles Gefühl, wenn das Auto in extremen Situationen so reagiert, wie man es erwartet, wenn man es auch dann noch fest im Griff hat“.
Ra.
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